Institut für imaginative
Psychotherapie und Musik
Traumatherapie

"Traumatisierungen sind nicht außergewöhnlich, weil sie selten vorkommen, sondern weil sie die normale menschliche Lebensanpassung überwältigen."

(Judith L. Herman)

Traumatherapie

Mein klinischer Schwerpunkt in Psychotherapie, Supervision und Forschung ist die Traumatherapie. Ich arbeite seit 1993 mit traumatisierten Menschen: die ersten beiden Jahre davon in den USA in verschiedenen Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie, danach in Deutschland in freier Praxis. Anders als in Deutschland wird in den USA Traumatherapie nicht separat, sondern als Teil der regulären Psychotherapieausbildung unterrichtet. Daher hat meine Ausbildung in Traumatherapie einen vergleichbar wesentlich größeren Teil meiner Therapieausbildung eingenommen, als es üblicherweise in Deutschland der Fall ist. Dadurch, dass die meisten psychischen Störungen auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, war Traumatherapie ein bedeutender Anteil meiner Praktika, Lehrtherapie, Ausbildungssupervision und späteren berufsbegleitenden Supervision.

Was ist ein Trauma?

Ein Trauma ist ein Ereignis oder eine Folge von Ereignissen, auf das ein Mensch so reagiert, als wäre sein Leben oder seine Gesundheit in Gefahr. Das kann auch passieren, wenn man nur direkter Zeuge eines solchen Ereignisses wird. Letzteres erlebt man z.B. bei einer Massenpanik oder wenn ein Kind immer wieder miterlebt, wie ein Geschwisterkind oder ein Elternteil geschlagen wird.

Es gibt Ereignisse, die für fast jeden Menschen ein Trauma wären, und die langfristige gesundheitliche Folgen beim traumatisierten Menschen hinterlassen. Hierzu gehören z.B. Folter oder sexualisierte Gewalt. Andere Ereignisse werden von einigen Menschen traumatisch verarbeitet, von anderen aber nicht. Hierhin gehören z.B. Unfälle oder Erdbeben. Einige Ereignisse werden in einem bestimmten Zusammenhang traumatisch verarbeitet, in anderen Zusammenhängen aber nicht. Einvernehmliche Sexualität unter Erwachsenen ist in der Regel kein Trauma; findet sie aber z.B. zwischen Patient und seiner Psychotherapeutin statt, so wird sie traumatisch verarbeitet. Und es gibt Dinge, die keine negativen Auswirkungen haben, wenn sie selten passieren; passieren sie aber immer wieder, so können sie schwere Traumafolgestörungen verursachen. Ein Beispiel hierfür ist Mobbing: Wenn ein Arbeitskollege mal nicht mit einer Kollegin spricht, ist es nicht weiter schlimm. Passiert das aber ständig und systematisch, würde die Kollegin krank werden.

Wie schwer die Folgen von Trauma sein werden, hängt von folgenden Faktoren ab (in der Reihenfolge der Wichtigkeit):

  1. Soziale Unterstützung: Menschen, die nach belastenden Ereignissen da sind für das Opfer und die sich liebevoll und einfühlsam kümmern, ohne das Opfer zu bevormunden, sind eine enorm wichtige Hilfe.
  2. Belastende Lebensumstände und Stress nach dem traumatischen Erlebnis verschlimmern die Lage.
  3. Heftigkeit der Traumatisierung: Traumatische Erlebnisse sind umso schlimmer, je jünger das Opfer ist und je öfter oder lang anhaltender sie auftreten. Traumatisierungen, die durch Menschen gemacht sind, sind schlimmer als Naturkatastrophen oder Unfälle.
  4. Frühere Traumatisierungen verschlechtern die Lage
  5. Intelligenz des Opfers: Je intelligenter das Opfer ist, desto weniger stark werden die Traumafolgen sein.
  6. Sozialer Status: Je niedriger der soziale Status, desto ungünstiger ist die Prognose.
  7. Eine psychiatrische Vorerkrankung verschlimmert die Lage.
  8. Eine gute Bildung ist hilfreich zur Verarbeitung von Traumatisierungen.

Man sieht hier, dass ein Ereignis, das von den meisten Menschen unserer Gesellschaft als sehr tragisch gesehen wird, möglicherweise weniger schlimme Folgen haben kann, als ein Ereignis, das die meisten als Bagatelle abtun würden. Hier zwei fiktive Beispiele:

  • Ein 5jähriges Mädchen lebt in einer kleinen Wohnung mit seiner allein erziehenden Mutter, die als Putzhilfe arbeitet. Da die Mutter viel arbeiten muss, hat sie wenig Zeit für ihre Tochter. Tagsüber ist das Mädchen im Kindergarten und hat dort eine sehr gute und vertrauensvolle Beziehung zu einer Erzieherin aufgebaut. Die Erzieherin zieht um und verlässt deshalb ihre Arbeitsstätte. Das Mädchen vermisst ihre Erzieherin sehr, aber alle Menschen um sie herum sagen ihr, sie soll sich nicht so anstellen. Schließlich würde ja eine neue Erzieherin kommen. Das Mädchen fühlt sich allein gelassen, traurig, einsam. Niemand versteht ihre Trauer und begleitet sie adäquat. Sie ist sehr jung, soziale Unterstützung fehlt, und weder ihr sozialer Status noch ihre Bildung helfen ihr, die Trennung zu verarbeiten. Zudem ist die belastende Situation durch Menschen gemacht. Die Chance, dass das Mädchen die Trennung von ihrer Erzieherin traumatisch verarbeitet, ist groß. Würde die Umgebung auf das Mädchen emotional eingehen und beim Verarbeiten der Trauer helfen, wäre die Chance hingegen größer, dass keine gesundheitlichen Folgen für das Mädchen entstehen.
  • Ein 43jähriger Physiker ist auf einer Geschäftsreise in Asien. Er ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder. Er verfügt zudem über einen guten Freundeskreis. Während seiner Geschäftsreise gerät er in ein Erdbeben, durch das er sich ein Bein bricht. Er wird schnell ärztlich versorgt und in sein Heimatland und zu seiner Familie zurückgebracht. Seine Frau und seine Freunde hören seiner Geschichte zu und gehen mitfühlend mit ihm um. Nach einer kurzen Unterbrechung wegen Krankheit nimmt er seine Arbeit wieder auf. Die Prognose für diesen Mann ist deutlich günstiger, als für das Mädchen im vorigen Beispiel. Die Menschen um ihn herum sind unterstützend und verständnisvoll; seine äußere Lebenssituation ist klar und geregelt; er hat eine einmalige Traumatisierung erlebt, die nicht von Menschen herbeigeführt wurde; er ist erwachsen; er ist intelligent, hat einen guten sozialen Status und eine gute Bildung. Obwohl das Erdbeben eindeutig als traumatisches Ereignis einzustufen ist, ist die Chance groß, dass dieser Mann keine Traumafolgestörung davontragen wird. Die Prognose wäre schlechter, wenn seine Frau sich nach dem Ereignis von ihm scheiden lassen wollte, oder wenn er durch die Verletzung arbeitsunfähig würde. Auch wäre die Prognose schlechter, wenn er in seiner Kindheit Gewalt erlebt hätte (z.B. Schläge oder Vernachlässigung).

Was sind die Folgen eines Traumas?

Es gibt eine Vielzahl von Traumafolgen. Einige davon treten immer auf, andere sind abhängig von weiteren Faktoren. Die beiden Bereiche, die bei einer traumatischen Verarbeitung immer vorkommen, sind:

  1. Vermeidung. Der traumatisierte Mensch versucht alles zu vermeiden, was ihn an das traumatische Ereignis erinnert. Vermeidung kann sehr offensichtlich sein. So mag vielleicht eine vergewaltigte Frau die Kleidung, die sie während der Vergewaltigung trug, nicht mehr anziehen. Vermeidung kann aber auch sehr versteckt auftreten. Ein Mann, dessen Vater früher ständig von seiner Mutter geschlagen und gedemütigt wurde, schafft es vielleicht nicht, eine längere intime Beziehung zu führen, obwohl er sich danach sehnt. Weder er noch seine Umgebung sehen bewusst den Zusammenhang zwischen der Gewalt der Mutter gegen den Vater und der Angst des erwachsenen Sohnes, dass eine Partnerin sich ihm gegenüber genauso verhalten würde. Vermeidung hat das Ziel, Intrusionen zu vermeiden.
  2. Intrusionen sind Erinnerungen, die sich aber so anfühlen, als würde das traumatische Ereignis gerade wieder passieren. Sie können im Wachzustand auftreten, aber auch im Schlaf als Alpträume. Auch Intrusionen können mehr oder weniger offensichtlich sein. Hier ein Beispiel für offensichtliche Intrusionen: Ein Soldat ist im Einsatz unter Beschuss geraten. Jetzt ist er wieder zu Hause und träumt immer wieder von genau dieser Situation. Schweißgebadet wacht er jede Nacht davon auf. Weniger offensichtlich sind die Intrusionen in folgendem Beispiel: Ein Mitarbeiter des Managements einer großen Firma soll in einer anderen Firma ein Geschäftskonzept vorstellen. Dieser Mitarbeiter ist sehr erfahren und hat derartige Vorträge schon häufig gehalten. Als er den Vortragsraum betritt, überfällt ihn plötzlich Angst und Übelkeit. Am liebsten würde er direkt weglaufen. Warum? Er hat keine Ahnung. Erst viel später in seiner Therapie fällt ihm auf, dass die Tische im Vortragsraum genau dasselbe Blau hatten, wie der Bademantel seines Vaters. Diesen Bademantel hatte sein Vater häufig getragen, als er seinen Sohn misshandelte.

Wenn Traumatisierungen Gewalt durch Menschen beinhalten und immer wieder passieren, oder wenn ein Mensch immer wieder unterschiedliche Traumatisierungen durch unterschiedliche Täter erlebt, treten zusätzlich folgende Symptome auf:

  • Störungen der Affektregulation: z.B. Selbstmordgedanken, Selbstverletzung (Schneiden, Essstörungen, Brennen, aggressives Autofahren, Süchte usw.), aufbrausende Wutanfälle oder extrem unterdrückte Wut, zwanghafte oder extrem gehemmte Sexualität, starker innerer Druck
  • Bewusstseinsveränderungen: z.B. Teile der traumatischen Ereignisse können nicht erinnert werden, Gefühl man selber sei nicht real, Gefühl die Umwelt sein nicht real, sich wie ein Kind fühlen / verhalten, kommentierende Stimmen im Kopf, Intrusionen
  • Gestörte Selbstwahrnehmung: z.B. Scham, Schuldgefühle, Selbstbezichtigungen, Gefühl beschmutzt zu sein, Hilflosigkeit, Gefühl sich von anderen grundsätzlich zu unterscheiden
  • Beziehungsprobleme: z.B. Isolation, Rückzug von anderen, Partnerschaftsprobleme, anhaltendes Misstrauen, Unfähigkeit sich selbst zu beschützen
  • Veränderung innerer Werte: z.B. Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Verlust des Glaubens
  • Somatisierungen: häufige Krankheiten oder Krankheitssymptome

Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum hinweg Traumatisierungen ausgesetzt sind, kann das zudem die Entwicklung des Kindes beeinflussen. Einige Entwicklungsschritte können dann nicht oder nur unvollständig geschehen. Außerdem baut das Kind einen ängstlichen Bindungsstil auf, der das Zusammenarbeiten und Zusammenleben mit anderen Menschen erschwert.

Es gibt psychische Störungen, die ausschließlich durch Traumatisierungen entstehen. Hierzu gehören:

  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Alle dissoziativen Störungen
  • Persönlichkeitsstörungen

Darüber hinaus gibt es psychische Störungen, die durch Traumatisierungen entstehen können, aber auch andere Ursachen haben können:

  • Suchterkrankungen
  • Psychosen
  • Depression
  • Angst- und Panikstörungen
  • Zwangsstörungen
  • Körperliche Krankheiten, die psychische Ursachen haben
  • Neurasthenie (Gefühle von Müdigkeit, körperlicher Erschöpfung und / oder Schwäche)
  • Burn-out
  • Essstörungen
  • Schlafstörungen
  • Störungen der Sexualität
  • AD(H)S
  • Mutismus
  • Viele weitere Störungen, die in der Kindheit beginnen

Wie unterscheidet sich Traumatherapie von anderen Arten der Psychotherapie?

Der Anfang einer Traumatherapie unterscheidet sich nur wenig von anderen Arten der Psychotherapie: Um eine Therapie gut durchführen zu können, muss erst einmal eine gute therapeutische Beziehung aufgebaut werden. Patient und Therapeutin lernen sich kennen, Vertrauen kann langsam aufgebaut werden. In die Anfangsphase gehört auch, die derzeitige Alltagssituation des Patienten zu erkunden und zu schauen, ob es Dinge im Alltag gibt, die den Genesungsprozess stören oder verhindern. Bei Traumatisierten kann das z.B. sein: Drogen- oder Alkoholkonsum, noch anhaltende Traumatisierungen (z.B. bei Mobbing oder Gewalt in der Ehe) oder eine so große Arbeitsbelastung, dass Therapie unmöglich wird. Diese Dinge werden möglichst abgestellt. Wenn nötig wird in der Anfangsphase auch ein Suizidvertrag gemacht, um zu verhindern, dass der Patient sich umbringt.

Ein sehr wichtiger Teil der Traumatherapie ist die Stabilisierung. Hier geht es um:

  • Lernen was Trauma ist und was es macht
  • Lernen gut für sich selbst zu sorgen
  • Nach guten und hilfreichen Dingen im Leben des Patienten suchen und sie verstärken
  • Affektregulation lernen
  • Selbstberuhigung lernen
  • Unterstützung durch die Familie oder durch Freunde finden / aufbauen
  • Bei Traumatisierung in der Kindheit: Nachholen der fehlenden oder unvollständigen Entwicklungsschritte.

Stabilisierung ist nötig, weil die spätere Traumabearbeitung sehr viel Energie und Sicherheit braucht. Aber auch allein die Stabilisierung kann das Leben des Patienten bereits deutlich verbessern. Der Patient lernt, sich selber besser zu helfen und Hilfe von außen anzunehmen. Dadurch erhält er mehr Kontrolle über sein Leben.

In die Stabilisierung wird Traumabearbeitung eingefügt. Dabei werden Traumatisierungen und die daraus entstandenen Folgen erkundet. Traumatisierungen sind so überwältigend, dass unser Gehirn es nicht schafft, sie direkt zu verarbeiten, wenn sie auftreten. In der Therapie nehmen wir uns Zeit, diese Verarbeitung nachzuholen.

Später in Therapie werden innere Konflikte bearbeitet. Diese Arbeit unterscheidet sich wiederum kaum von Therapie mit Menschen, die nicht traumatisiert wurden. Die gesamte Traumatherapie wird jeweils individuell auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten abgestimmt.

Psychotherapieverfahren und -techniken, die ich in die Traumatherapie einbinde:

Die Grundlage der Traumatherapie, die ich anbiete, bildet die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Zusätzlich nutze ich nach Bedarf imaginative Verfahren und EMDR. Zu den imaginativen Verfahren, die zur Anwendung kommen können, gehören Music Breathing, strukturierte spontane Imagination und Guided Imagery and Music nach Bonny (GIM). Nähere Informationen dazu finden Sie unter GIM

Eye Movement Desenitization and Reprocessing (EMDR) ist eine Technik innerhalb der Traumatherapie, die besonders gut für Menschen mit Einfachtraumatisierungen geeignet ist. In EMDR werden Augenbewegungen benutzt, die denen im Traumschlaf gleichen, um Dinge zu verarbeiten. Ähnliche Augenbewegungen finden sich auch während des Wachbewusstseins beim intensiven, lösungsorientierten Nachdenken. Eingebunden in eine Psychotherapie kann EMDR sehr schnell helfen, Patienten von Alpträumen, Ängsten, Panik und Flashbacks zu befreien.

Zusätzliche Angebote für Traumatisierte und ihnen nahe stehende Personen:

Psychotraumatologische Erstberatung ist ein 1-2stündiges Beratungsgespräch, in dem ich Sie über Trauma und Traumafolgen berate. Diese Beratung ist auf Ihre Situation abgestimmt. Im Beratungsgespräch kann auch geprüft werden, wie gefährdet Sie sind, eine Traumafolgestörung zu entwickeln. Bei Bedarf können weitere Behandlungsschritte – bei mir, bei Kollegen, oder in anderen Institutionen – eingeleitet werden.

Oft wissen Partner von Traumatisierten nicht, wie sie nach einem Gewalterlebnis oder nachdem der Partner vom Gewalt in der Kindheit erzählt hat, mit ihrem traumatisierten Partner umgehen sollen. In Partnerberatung können wir zusammen schauen, was hilfreich und was hinderlich für die Partnerschaft ist. Partnerberatung kann in eine laufende Traumatherapie eingebunden sein oder getrennt davon stattfinden. Wenn möglich sollten bei einer Partnerberatung beide Partner anwesend sein.

Auch Eltern, deren Kinder traumatisiert wurden, wissen meist nicht, wie sie ihren Kindern am besten helfen können. In diesem Fällen biete ich eine Elternberatung. Wenn ich Kinder oder Jugendliche in Traumatherapie habe, ist die Elternberatung ein wichtiger Teil dieser Therapie. Eltern können sich aber auch unabhängig von einer Therapie ihres Kindes bei mir zum Thema Trauma beraten lassen.

Mobbingberatung kann Mobbingopfern, aber auch Vorgesetzten oder anderen Mitarbeitern helfen, eine Mobbingsituation zu beenden. Weitere Möglichkeiten bei Mobbing sind Supervision (Informationen dazu finden Sie unter Supervision) oder Teilnahme an einer Informationsveranstaltung über Mobbing (Informationen dazu finden Sie unter Termine / Vorträge).

Informationen zu Kosten und Abrechnungsmöglichkeiten finden Sie unter Psychotherapie

Literaturhinweise zu Traumatherapie finden Sie unter Literatur / Forschung